Macht zu viel Nähe einsam?

Postfaktisch – das Wort des Jahres 2016
6. Januar 2017
Die Finalität der Gefühle
8. April 2017

Als ich mich vor über zwanzig Jahren mit den Schriften von Wilhelm Heinrich Schüßler und Kurt Hickethier* beschäftigte, steckte das SYNCHRONIZING®-Modell noch in den Kinderschuhen. Mir fiel die Schrift von Kurt Hickethier kürzlich wieder in die Hände und ich fragte mich, was davon mich damals wohl beeindruckt haben könnte. Es war die Lehre von den unglaublich kleinen Dosierungen der Salze in unserem Körper, die – gerade wegen der geringen Mengen – ihre Wirkung so nachhaltig entfalten.

Auch im Seelischen sind es die kleinen Dosierungen im Denken und Verhalten, die das Lebensgeschehen präzise auf Kurs halten – das Augenzwinkern oder das Heben einer Augenbraue etwa, das oft mehr bewirkt als der laute Aufschrei oder die hysterische Gebärde.

Das SYNCHRONIZING®-Modell hat inzwischen viele „Upgrades“ erfahren und befindet sich in einem Stadium, das die Erprobungsphase schon lange hinter sich hat. Bei meiner Coaching-Arbeit mit Klienten stoße ich immer wieder auf das Phänomen, dass Menschen in kritischen Situationen dazu neigen, mehr von dem zu tun, von dem sie meinen, es sei besonders nützlich – und dass sie sich dann wundern, wenn genau das Gegenteil des angezielten Effektes eintritt.

Ich möchte versuchen, meine Gedanken über solche Coaching-Erfahrungen mit den Erkenntnissen aus der Biochemie – wie sie von Kurt Hickethier beschrieben wurde – in einen Dialog zu bringen.

Schüßler begründete vor 150 Jahren die Lehre von den Lebenssalzen. Neben den organischen Stoffen, die der Körper zum Leben benötigt, braucht er Salze (z.B. Kalzium, Magnesium, Eisen, Silizium), die die dynamischen Abläufe im Körper regeln. Schüßlers Theorie: Mangelt es auch nur an einem dieser Salze im Körper, so werden die gesamten Abläufe gestört.

Heilung erfolgt nach Schüßler, indem man zunächst diagnostiziert, an welchem Lebenssalz Mangel besteht. Dieses wird dann gezielt zugeführt – und zwar in einer ganz speziellen Form Schüßler hat die Salze so aufbereitet, dass sie in einer Verdünnung von 1 : 1.000.000 (ein Teil Salz, eine Million Teile Milchzucker) verabreicht werden. In dieser extremen Verdünnung (durch Verreibung) werden die Salzmoleküle vereinzelt und können so von den winzigen Zellen des Körpers gut aufgenommen werden.

Nun gibt es Kritiker der Lehre von Schüßler, die behaupten, dass in einer solch extremen Verdünnung praktisch nichts mehr von dem zu verabreichenden Salz enthalten sei. Hier ist das logische Denken der meisten Menschen geneigt, dieser Behauptung zuzustimmen. Wenn ich einen einzigen Globulus mit einem Gesamtinhalt von einem Kubikmillimeter zu mir nehme, und wenn davon nur jeder millionste Teil aus dem Salz besteht, das zugeführt werden soll, dann kann das nicht wirken! Klingt logisch – oder?

Ein kurzer Blick in die Mikrowelt der Körperzellen und der Moleküle belehrt uns eines anderen:
• In einen Kubikmillimeter passen etwa eine Trilliarde Moleküle (1 mit 21 Nullen).
• Dann sind in einem Globulus von einem Kubikmillimeter immer noch eine Billiarde (1 mit 15 Nullen) Moleküle des Salzes enthalten (millionster Teil der Trilliarde).
• Der Mensch hat 30 Billionen (30 mit 12 Nullen) Zellen.
• Würden alle Zellen gleich viel von diesen Salzmolekülen abbekommen, dann würde jede Zelle eine Anzahl von gut 30

Macht zuviel Nähe einsam?
von Dr. Markus Jensch

Salzmolekülen erhalten. Die verabreichten Salzmoleküle verteilen sich aber nur auf einen kleinen Teil der Zellen – nämlich auf diejenigen, die erkrankt sind und die die „Funktionsmittel“ brauchen.

Das zeigt: Die Verabreichung von nur winzigen Mengen eines Salzes führt dazu, dass die „bedürftigen“ Zellen ihren Mangel langsam ausgleichen können.

Im letzten Jahr kursierte eine Meldung in der Presse: Eine junge Frau lud zu ihrem Geburtstag via facebook ihre „Freunde“ zur Feier zu sich nach Hause ein. Statt der paar eingeladenen Freunde baten über 500 grölende „Fans“ um Einlass. Sie hatte einen falschen Button gedrück. Die junge Frau hielt die Tür verschlossen, so dass auch ihre wirklichen Freunde nicht rein konnten.

Genau so verhält sich eine Zelle, wenn zu viele Salzmoleküle auf einmal durch ihre Membran ins Zellinnere eindringen wollen: Sie verschließt die Membran und das Salz muss draußen bleiben. Der Zelle fehlt – trotz des übermäßigen Angebots – das nötige Salz. So ist zu verstehen, dass Menschen, die zuviel Salz zu sich nehmen, an Salzmangel leiden.

Nun möchte ich endlich zu der Überschrift kommen, auf die sich die bisherigen Ausführungen letztendlich bezogen haben:

Zu viel Nähe macht einsam!

Zu viel (fordernde) Zuneigung einer Person zu ihrem Partner kann dessen Bereitschaft zur „Gegenliebe“ eindämmen und schließlich zum Rückzug/Abschottung führen. Zu viel Mutterliebe kann das (ausgelieferte) Kind förmlich erdrücken. Auf die schädliche Wirkung der „Verzärtelung“ hat Alfred Adler immer wieder hingewiesen.

Zu viel „Zuwendung“ seitens eines Vorgesetzten – etwa in Form von Bemächtigung – kann zum Rückzug, zur inneren wie auch äußeren Kündigung seiner Mitarbeiter führen. Und zu viel Selbständigkeit (Selbstherrlichkeit /Autarkie) führt – wegen mangelnder Kooperationsbereitschaft – zur Ausgrenzung und damit ebenfalls zur Einsamkeit.

Zuwendung kann – z.B. im betrieblichen Kontext – auch in sparsamer, wertschätzender Form eine langfristig gute Beziehung zwischen den Mitarbeitern und Vorgesetzten ermöglichen: Wir sprechen in diesem Zusammenhang auch von „professioneller Distanz“.
Es sind oft die kleinen Veränderungen, die eine nachhaltige Wirkung nach sich ziehen – nicht die „großen Gesten“ und Ankündigungen.

In diesem Sinne kann weniger durchaus mehr sein.

*Hickethier, Kurt: Lehrbuch der Biochemie, Verlag Friedrich Depke, 2005 (aus diesem Buch stammen auch die aufgeführten Zahlenangaben). Hickethier lebte von 1891 bis 1958.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.